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Mosel Riesling – weshalb er die Menschen so begeistert

von Staudt am ‎05-11-2015 16:31 - zuletzt bearbeitet am ‎17-11-2015 17:46 von Community Manager (1.347 Ansichten)

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Ich hatte zu einem Riesling-Seminar nach Darmstadt eingeladen. Kurz nach 19.00 Uhr trudelten die ersten von insgesamt fünfzehn angemeldeten Teilnehmern ein. Die Stimmung war vorzüglich.

 

Als Welcome-Drink schenkte ich einen flaschenvergorenen Winzer-Sekt von der Mosel aus. „Aber das ist kein Riesling!“ meldeten sich gleich die Ersten zu Wort. Und die Begründung folgte auf den Fuß: „Riesling wäre fruchtiger und säurebetonter!“ Hier noch ein paar weitere Teilnehmerstimmen im O-Ton: „Cremig wie ein guter Champagner, aber etwas fruchtiger!“ „Schmeckt intensiv, wirkt aber ganz leicht!“ „Mir gefällt seine runde, geschmeidige Art; das fühlt sich gut an!“

 

Dem hatte ich im Grunde wenig hinzuzufügen, denn es traf den Kern meiner eigenen Eindrücke. Nur ein ungläubiger Blick auf das Flaschenetikett konnte die Zweifelnden überzeugen: Es war tatsächlich ein Riesling-Sekt. Noch drei Stunden später, als sich das Seminar langsam seinem Ende zuneigte und wir noch einmal alle Weine in einem Schnelldurchlauf à la Dieter-Thomas Heck Revue passieren ließen, war dieser Riesling-Sekt den Teilnehmern in lebendiger und allerbester Erinnerung. Er hatte sie aufgerüttelt und vielleicht mit dazu beigetragen, dass wir einen angenehm leichtgängigen und vergnüglichen Seminarabend miteinander verbracht hatten. Den Namen des Produzenten hatten sie sich längst notiert: Heymann-Löwenstein aus Winningen!

 

In den Stunden zwischen Anfang und Ende erläuterte ich den Teilnehmern die unterschiedlichen Rieslingstile und den Einfluss von Klima, Lage und Böden. Wir diskutierten die Bedeutung der Weinbergspflege und die Grenzen des kellertechnischen Feintunings. Das Ganze niemals abstrakt, sondern immer am Beispiel der gerade ausgeschenkten Weine. Die Verkostung war gleichsam eine Reise durch die Welt der Weine. Wir machten Halt an der Nahe und im Rheingau, in Rheinhessen und in der Pfalz, im Elsaß und in der Wachau, in Australien und in Südafrika.

 

Die allergrößte Verwunderung löste an diesem Abend jedoch ein Riesling von der Mosel aus. Auf eine erste Phase der Irritierung folgte ungläubige Bewunderung und schließlich reine Verzückung und Begeisterung. Vibrierende Lebendigkeit strömte uns aus dem Glas entgegen. Die Aromen waren schwer zu fassen, aber mit der gemeinsamen Annäherung waren alle zufrieden: Zu den Noten von Pfirsichen, reifen Äpfeln, frischen Aprikosen und Cassis, die die einen entdeckten, gesellten sich zarte, weiße Blütendüfte der anderen. Alle waren sich aber einig, dass die eigentliche Identität dieses ungemein trinkigen Moselrieslings deutlicher noch als in den Frucht- und Blütenaromen vor allem ihrer steinigen Mineralität liege.

 

Am Gaumen war vitale Zärtlichkeit angesagt; hier begegneten sich Gegensätze auf wundervoll versöhnliche Weise. Rassige Säure und Mineralität trafen auf Fruchtfülle, Traubensüße und einen extrem niedrigen Alkohol. Eine Teilnehmerin formulierte ihre Begeisterung so: „Die Leichtigkeit dieses Weines verströmt so viel Freude und Lebenslust wie die ersten Sonnenstrahlen an einem Frühlingsmorgen.“

 

Das passte zu der heiteren und ausgelassenen Stimmung im Raum. Der Wein hatte uns locker und leicht gemacht und für einen Moment versank ich im fröhlichen Stimmengewirr der Anwesenden. Die zauberhafte Schwerelosigkeit, die dieser Kabinettwein aus der Lage Domprobst verströmte, war einzigartig, irgendwie konkurrenzlos und außerirdisch. Den letzten Schluck widmeten wir dem Schöpfer dieses genialen Stoffes, dem Graacher Winzer Willi Schaefer.

 

Noch ein weiterer Mosel-Riesling sorgte an diesem Abend für Begeisterung. Der Mehrzahl der Anwesenden hatte so einen Wein noch nicht Glas gehabt. Die edelsüße Auslese spielte zwar in einer anderen stilistische Liga als der zuvor verkostete Kabinett, doch auch für diesen Riesling-Typ war die Kombination aus niedrigem Alkoholgehalt, mundwässernder Säure und natürlicher, von der Traube stammender Süße charakteristisch. Nur war jetzt alles viel reichhaltiger und intensiver, von allem war erheblich mehr vorhanden. Leichtigkeit und Eleganz, Intensität und geschmacklicher Reichtum ergänzten sich perfekt.

Bemerkenswert war nicht zuletzt die außergewöhnliche aromatische Komplexität dieses Süßweins. Obwohl es sich um einen relativ jungen Vertreter handelte, wartete er bereits mit einem unglaublich breit gefächerten Spektrum fruchtiger und blumiger Düfte auf. Einige meinten Noten von reifen Äpfeln und Birnen zu erkennen, andere assoziierten Quitte, Aprikose und Pfirsich. Ich persönlich hatte Holunderblüten, Rose und Lavendel in der Nase.

Wir beschäftigten uns minutenlang mit dem Duft dieses Weines und jedesmal, wenn wir die Nase ins Glas steckten, zeigte er sich von einer anderen Seite. Und ganz unverkennbar war eine gehörige Portion rauchiger Schiefer-Mineralität im Spiel.

 

Die Begegnung mit diesem Wein erinnerte mich an die komplexe Nase einer 20-jährigen Riesling-Auslese aus Wehlen, die ich vor einigen Wochen im Glas hatte: an Kräuter- und Gewürznoten, an Petersilie, Dill und Anis, aber auch an Honig und Karamell. Die fruchtigen Aromen waren schon in den Hintergrund getreten und hatten den mineralischen, würzigen und pflanzlichen Noten die Vorherrschaft überlassen. Ein traumhaft schöner Wein, der trotz seiner enormen Süße wie auf Wolken daherkam.

 

Natürlich wollten die Teilnehmer wissen, welchen Faktoren die beiden Mosel-Rieslinge ihre weltweit einmalige Stilistik verdankten. Die Antwort darauf ist einfach und schwierig zugleich. Im Kern ist vor allem ihre besondere Herkunft dafür verantwortlich. Wie sich das im Detail gestaltet und wieso wir innerhalb des Gebietes eine so große stilistische Vielfalt beobachten können, werde ich Ihnen in einem Fortsetzungsbeitrag erläutern, der ziemlich genau in zwei Wochen hier erscheinen wird.

 

Lassen Sie es sich schmecken!

 

Ihr Wolfgang Staudt

Kommentare
von Brigitte
am ‎30-01-2016 23:58

Ich hab grad vor wenigen tagen erfahren, dass man in der steiermark vermehrt auf den riesling setzen will. Hängt wohl damit zusammen, dass es wärmer wird und die steiermark dann ein ideales gebiet für den riesling darstellt